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06. Januar 20257 min Lesezeit

Europas Banken bauen am eigenen Stablecoin: Qivalis

Ein Konsortium aus Europas größten Banken arbeitet mit Qivalis an einem gemeinsamen Euro-Stablecoin nach MiCAR. Warum das Projekt strategisch so wichtig ist und mehr über Europas finanzielle Souveränität als über Krypto verrät.

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Warum der geplante Euro-Stablecoin mehr über Europas finanzielle Souveränität verrät als über Krypto

Einleitung

Lange Zeit schien die Stablecoin-Welt klar verteilt. US-Dollar-Stablecoins dominierten Volumen, Liquidität und Infrastruktur. Wer programmierbares Geld nutzte, nutzte es meist auf Dollarbasis – unabhängig davon, ob die zugrunde liegenden Geschäfte in Europa stattfanden oder nicht.

Diese Dominanz war bequem, effizient – und wurde selten hinterfragt. Doch sie führte auch zu einer strukturellen Abhängigkeit: Europäische Unternehmen nutzten digitale Dollar-Infrastruktur, selbst dann, wenn ihre Wertschöpfung vollständig im Euroraum stattfand.

Nun formiert sich in Europa eine Gegenbewegung. Unter dem Namen Qivalis arbeitet ein Konsortium führender europäischer Banken an einem gemeinsamen, regulierten Euro-Stablecoin. Zu den beteiligten Instituten zählen unter anderem BNP Paribas, ING, BBVA und die DZ Bank. Still, ohne große Marketingkampagne, aber mit bemerkenswerter strategischer Klarheit.

Der Schritt ist weniger spektakulär, als es Schlagzeilen vermuten lassen. Und genau darin liegt seine Bedeutung.

Hintergrund: Warum Banken jetzt handeln

Europäische Banken haben Stablecoins lange aus der Distanz betrachtet. Zu groß erschienen regulatorische Unsicherheiten, zu fremd die technologische Basis, zu US-lastig die bestehenden Anbieter. Mit der europäischen Krypto-Regulierung MiCAR hat sich dieses Umfeld jedoch grundlegend verändert.

Erstmals existiert in Europa ein klarer, einheitlicher Rechtsrahmen für Stablecoins. Emittenten, Reservehaltung, Governance, Transparenzpflichten und Aufsicht sind verbindlich definiert. Damit wird Stablecoin-Infrastruktur von einem regulatorischen Graubereich zu einem planbaren, bankentauglichen Geschäftsmodell.

Für Banken markiert das einen Wendepunkt. Denn was bislang als „Krypto-Thema“ galt, wird nun zu einer klassischen Infrastrukturfrage: Wer stellt künftig digitales Euro-Geld bereit, das programmierbar, interoperabel und regulatorisch sauber ist – und dabei in bestehende Bankbeziehungen eingebettet bleibt?

Qivalis: Ein europäisches Infrastrukturprojekt

Das Bankenkonsortium Qivalis ist dabei kein loses Kooperationsprojekt, sondern bewusst als langfristige Infrastrukturplattform angelegt. Ziel ist die Entwicklung eines vollständig regulierten Euro-Stablecoins, der auf europäischer Bankeninfrastruktur basiert und den Anforderungen von MiCAR entspricht.

Das Konsortium startete ursprünglich mit neun europäischen Banken. Inzwischen schließen sich zunehmend weitere namhafte Institute an. Anfang Februar 2026 wurde bekannt, dass mit BBVA bereits die zwölfte Bank dem Konsortium beigetreten ist. Diese Dynamik unterstreicht, dass Qivalis nicht als kurzfristiges Experiment gedacht ist, sondern als strategisch angelegte Infrastrukturinitiative.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Technologie, sondern die Zusammensetzung des Konsortiums. Mit Instituten aus verschiedenen europäischen Ländern entsteht gezielt eine grenzüberschreitende Lösung. Der Anspruch ist nicht, einen weiteren nationalen Sonderweg zu beschreiten, sondern eine europäische Alternative zu US-dominierten Stablecoin-Strukturen aufzubauen.

Die Motivation ist dabei weniger ideologisch als wirtschaftlich. Banken sehen, dass programmierbares Geld zunehmend in Unternehmensprozesse einzieht – von Settlement über Treasury bis hin zu automatisierten Zahlungs- und Lieferbedingungen. Wer diese Infrastruktur nicht selbst mitgestaltet, läuft Gefahr, sie künftig nur noch zu konsumieren.

Abgrenzung zum digitalen Euro

Unvermeidlich stellt sich die Frage nach dem Verhältnis zum digitalen Euro der Europäischen Zentralbank. Warum ein bankengestützter Stablecoin, wenn die EZB an digitalem Zentralbankgeld arbeitet?

Die Antwort liegt in den Anwendungsfällen. Der digitale Euro ist primär als öffentliches Zahlungsmittel konzipiert, mit starkem Fokus auf Verbraucher, Datenschutz und geldpolitische Stabilität. Ein Euro-Stablecoin aus dem Bankensektor adressiert hingegen vor allem unternehmensnahe Anwendungsfälle: interne Abwicklung, programmierbare Zahlungen, Settlement-Prozesse und Integration in bestehende Bank- und ERP-Landschaften.

Beide Konzepte stehen daher nicht in direkter Konkurrenz. Sie besetzen unterschiedliche Ebenen derselben Zahlungsinfrastruktur. Gerade für Unternehmen könnten bankengestützte Stablecoins deutlich früher relevant werden als ein breit verfügbarer digitaler Euro.

Europas Antwort auf US-Dollar-Dominanz

Ein weiterer Aspekt ist geopolitischer und wirtschaftlicher Natur. Heute entfallen rund 99 Prozent des globalen Stablecoin-Marktes auf US-Dollar-basierte Token. Diese Dominanz schafft Effizienz und Liquidität, führt aber auch zu strukturellen Abhängigkeiten von US-Infrastruktur, US-Regulierung und US-Anbietern.

Ein europäischer Euro-Stablecoin – getragen von einem Bankenkonsortium wie Qivalis – ist daher mehr als ein technisches Produkt. Er ist ein Baustein europäischer finanzieller Souveränität. Nicht im Sinne von Abschottung, sondern als strategische Option für kritische Zahlungs- und Abwicklungsprozesse im Euroraum.

Dass ausgerechnet Banken diesen Schritt gehen, ist folgerichtig. Sie verfügen über etablierte Kundenbeziehungen, regulatorische Erfahrung und eine operative Nähe zum Mittelstand. Genau dort entsteht künftig der größte Bedarf an verlässlicher, programmierbarer Zahlungsinfrastruktur.

Was bedeutet das für CFOs und den Mittelstand?

Für Unternehmen ist dieser Vorstoß kein unmittelbarer Handlungsaufruf. Niemand muss heute Stablecoins produktiv einsetzen oder Zahlungsprozesse umbauen. Aber das Signal ist eindeutig.

Programmierungsfähiges Euro-Geld wird in Europa konkret. Nicht als politisches Zukunftsprojekt, sondern als bankennahe Infrastruktur. CFOs sollten daher weniger fragen, ob Stablecoins kommen, sondern wo sie perspektivisch Mehrwert stiften könnten – etwa bei grenzüberschreitendem Settlement, konzerninternen Zahlungsströmen oder der Automatisierung vertraglich definierter Zahlungsbedingungen.

Wie in den vorherigen Beiträgen gilt auch hier: Awareness & Capability sind der entscheidende erste Schritt. Wer die Unterschiede zwischen digitalem Euro, bankengestützten Stablecoins und klassischem Buchgeld versteht, kann Entwicklungen einordnen und fundiert vorbereiten – lange bevor operative Entscheidungen notwendig werden.

Fazit

Der Euro-Stablecoin europäischer Banken – organisiert im Konsortium Qivalis – ist kein Krypto-Experiment und kein politisches Symbol. Er ist ein pragmatischer Infrastrukturbaustein in einem Finanzsystem, das sich schrittweise neu ausrichtet.

Europa wartet nicht mehr ausschließlich auf den digitalen Euro. Es beginnt, ergänzende Lösungen innerhalb des bestehenden Bankensystems aufzubauen. Für Unternehmen lohnt es sich, diese Entwicklung aufmerksam zu begleiten. Nicht aus Innovationsdrang, sondern aus strategischem Interesse.

Denn wenn Banken beginnen, digitales Geld neu zu gestalten, geht es selten um Trends. Es geht um die nächste Ausbaustufe der Infrastruktur.

Quellen & weiterführende Links

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