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12. Januar 20256 min Lesezeit

SWIFT und die Evolution des globalen Zahlungsverkehrs

SWIFT testet On-Chain-Settlement und arbeitet mit Großbanken wie Citi an der Verbindung klassischer Fiat-Zahlungen mit blockchain-basierten Prozessen. Parallel wächst der Druck aus der Investmentwelt: Tokenisierung könnte klassischen SWIFT-Flows langfristig überlegen sein.

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Wie das globale Zahlungssystem beginnt, sich on-chain zu öffnen

Einleitung

Über Jahrzehnte war SWIFT die stille Konstante im internationalen Zahlungsverkehr. Kein Zahlungsnetzwerk steht stärker für Stabilität, Neutralität und globale Reichweite. Wenn Geld grenzüberschreitend bewegt wurde, lief es fast immer über SWIFT – langsam, zuverlässig und fest verankert in den bestehenden Bankprozessen.

Umso bemerkenswerter ist, was sich aktuell abzeichnet. SWIFT experimentiert zunehmend mit blockchain-basierter Infrastruktur, testet On-Chain-Settlement und arbeitet mit Großbanken daran, klassische Fiat-Zahlungen mit tokenisierten Prozessen zu verbinden. Parallel dazu äußern sich führende Akteure der Finanzindustrie ungewöhnlich offen: Tokenisierung, so der Tenor, könnte klassische SWIFT-Flows langfristig überlegen sein.

Das ist kein Abgesang auf SWIFT. Es ist ein Signal dafür, dass selbst die etablierteste Infrastruktur der Finanzwelt anerkennt, dass sich etwas Grundlegendes verändert.

Hintergrund: Was SWIFT derzeit testet

SWIFT ist kein Zahlungssystem im engeren Sinne, sondern ein globales Nachrichten- und Koordinationsnetzwerk. Es sorgt dafür, dass Banken wissen, wer wem wie viel Geld schuldet. Die eigentliche Abwicklung erfolgt anschließend in den jeweiligen Clearing- und Settlement-Systemen – häufig mit Zeitverzug, Zwischenstationen und manuellen Abstimmungen.

Genau an dieser Stelle setzen die aktuellen Pilotprojekte an. In Zusammenarbeit mit Banken wie Citi testet SWIFT, wie sich klassische Fiat-Zahlungen mit On-Chain-Settlement kombinieren lassen. Ziel ist es, Zahlungsanweisungen und die tatsächliche Wertübertragung enger miteinander zu verzahnen und Medienbrüche zu reduzieren.

Der Ansatz ist bewusst evolutionär. SWIFT ersetzt sein Netzwerk nicht, sondern erweitert es. Blockchain-basierte Komponenten sollen dort eingesetzt werden, wo sie einen klaren Mehrwert bieten: bei Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Geschwindigkeit der Abwicklung.

Der eigentliche Treiber: Tokenisierung statt Messaging

Parallel zu diesen Tests äußert sich die Investmentwelt ungewöhnlich deutlich. Larry Fink, CEO von BlackRock, hat mehrfach betont, dass Tokenisierung langfristig effizienter sein könnte als klassische SWIFT-Flows. Gemeint ist damit nicht nur schneller Zahlungsverkehr, sondern ein grundsätzlich anderer Ansatz.

Tokenisierte Vermögenswerte und tokenisiertes Geld können Eigentumsübergang und Zahlung in einem einzigen, atomaren Prozess abbilden. Settlement-Risiken werden reduziert, Abwicklungszeiten verkürzt, und Prozesse lassen sich programmatisch steuern. In einer solchen Welt wird ein separates Messaging-Netzwerk weniger zentral – weil Zahlung und Abwicklung technisch zusammenfallen.

SWIFT erkennt diesen Trend. Die aktuellen Experimente sind weniger Verteidigung als Vorbereitung: auf eine Zukunft, in der Zahlungsnachrichten nicht mehr der Engpass sind, sondern die Fähigkeit, unterschiedliche Systeme miteinander zu verbinden.

Konvergenz statt Verdrängung

Wichtig ist dabei eine nüchterne Einordnung. Blockchain-basierte Zahlungssysteme ersetzen bestehende Infrastrukturen nicht von heute auf morgen. Banken, Unternehmen und Staaten sind tief in bestehenden Prozessen verwurzelt. Compliance, Haftung und regulatorische Verantwortung lassen sich nicht einfach „on-chain“ verschieben.

Was wir stattdessen sehen, ist Konvergenz. Traditionelle Netze wie SWIFT und neue On-Chain-Infrastrukturen wachsen aufeinander zu. Fiat-Geld bleibt relevant, wird aber zunehmend tokenisiert oder durch Stablecoins ergänzt. Distributed-Ledger-Technologie wird nicht als Gegenentwurf, sondern als Erweiterung verstanden.

Für den Zahlungsverkehr bedeutet das einen leisen, aber tiefgreifenden Umbau. Prozesse, die jahrzehntelang als unveränderlich galten, werden neu gedacht – nicht aus Innovationsdrang, sondern aus Effizienzgründen.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Für Unternehmen ist diese Entwicklung hochrelevant, auch wenn sie noch nicht unmittelbar spürbar ist. Der internationale Zahlungsverkehr ist für viele CFOs ein Kosten- und Reibungsthema. Laufzeiten von mehreren Tagen, eingeschränkte Transparenz und komplexe Abstimmungsprozesse gehören zum Alltag.

Wenn selbst SWIFT beginnt, On-Chain-Settlement zu testen, zeigt das, wohin die Reise geht. Nicht morgen, aber in den kommenden Jahren könnten sich neue Optionen ergeben: schnellere Abwicklung, bessere Nachvollziehbarkeit, geringeres Settlement-Risiko.

Auch hier steht jedoch Awareness und Capability im Vordergrund. Unternehmen müssen heute nicht ihre Zahlungsströme umstellen. Aber sie sollten verstehen, warum sich diese Systeme verändern, welche Rolle Tokenisierung und Distributed-Ledger-Technologie spielen – und wie sich das langfristig auf Treasury-, ERP- und Zahlungsprozesse auswirken kann.

Fazit

Dass SWIFT Blockchain-basierte Zahlungskomponenten testet, ist kein Randereignis. Es ist ein deutliches Signal aus dem Herzen der globalen Finanzinfrastruktur. Nicht als Bruch mit der Vergangenheit, sondern als Anpassung an eine neue Realität.

Tokenisierung und On-Chain-Settlement sind dabei kein Ersatz für bestehende Systeme, sondern ein Katalysator für deren Weiterentwicklung. Für Unternehmen lohnt es sich, diesen Prozess aufmerksam zu begleiten. Denn wenn selbst die ruhigsten Akteure des Finanzsystems beginnen, ihre Architektur zu überdenken, ist klar: Der Wandel ist längst im Gange – nur leiser, als viele erwarten.

Quellen & weiterführende Links

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