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Stablecoins – Grundlagen

Von der grundlegenden Definition bis zur Einbindung ins ERP: wie Stablecoins Zahlungen beschleunigen, Planbarkeit schaffen und Prozesse vereinfachen – ohne Spekulation, mit Fokus auf den Mittelstand.

Was ist ein Stablecoin – und wozu?

Ein Stablecoin ist ein digitaler Geldtoken, der den Wert einer Referenzwährung – meist Euro oder US‑Dollar – möglichst genau abbilden soll. Die technische Basis ist in der Regel eine Blockchain‑Infrastruktur. Stablecoins lassen sich wie digitales Bargeld zwischen sogenannten Wallets übertragen: von Unternehmen zu Dienstleistern, zwischen Konzerngesellschaften oder an Lieferanten.

Für Unternehmen steht nicht die Spekulation im Vordergrund, sondern der operative Nutzen im Zahlungsverkehr: insbesondere grenzüberschreitende Zahlungen werden schneller und planbarer, Gebührenstrukturen werden transparenter und Zahlungslogik kann direkt in ERP‑Workflows eingebettet werden. Gebühren bestehen typischerweise aus einer Netzwerkgebühr, einem Dienstleistungsentgelt und – falls eine Währungsumrechnung nötig ist – einem ausgewiesenen Devisen‑Spread (Foreign Exchange Spread).

Praktisch bedeutet das: Rechnungen können unmittelbar nach Leistungserbringung beglichen werden, auch wenn Zeitzonen oder Wochenenden dazwischenliegen. Freigaben bei Wareneingang, Meilenstein‑Zahlungen in Projekten oder Erstattungen können direkt aus dem ERP angestoßen werden. Stablecoins sind dabei kein Parallel‑System, sondern eine zusätzliche Zahlungsart, die sich – ähnlich wie Überweisungen oder Kartenzahlungen – in bestehende Prozesse integrieren lässt.

Begriffe in Kürze

  • Electronic‑Money‑Token (EMT): Stablecoin, der 1:1 auf eine staatliche Währung wie den Euro bezogen ist. Für Halter besteht ein Einlöseanspruch gegenüber dem Emittenten – ähnlich wie bei E‑Geld‑Guthaben.
  • Asset‑Referenced‑Token (ART): Stablecoin, dessen Wert sich auf einen Korb von Vermögenswerten bezieht – zum Beispiel mehrere Währungen oder Anleihen. Buchhaltung und Risikobetrachtung sind komplexer als bei EMT.
  • Algorithmischer Stablecoin: Versuch, Stabilität über Anreizmechanismen und Algorithmen statt über Reserven zu erreichen. Für konservative Euro‑Zahlungen im Unternehmen in der Regel nicht geeignet.
  • Central Bank Digital Currency (CBDC): digitales Zentralbankgeld – etwa ein zukünftiger Digitaler Euro. Rechtlich und wirtschaftlich eine andere Kategorie als privat emittierte Stablecoins.

Kurz eingeordnet

Für den Mittelstand steht der operative Nutzen im Vordergrund: Abwicklungsgeschwindigkeit, Planbarkeit von Kosten, 24/7‑Verfügbarkeit und Prüfbarkeit. Stablecoins können genau hier ansetzen – vorausgesetzt, Einlöseanspruch, Transparenz der Reserven und eine saubere Integration in ERP und Compliance sind gegeben.

Wie sich Stablecoins entwickelt haben

Stablecoins entstanden aus der Kombination zweier Bausteine: Blockchain‑Netze, auf denen sich Werte programmierbar übertragen lassen, und Rechtsrahmen für E‑Geld und Zahlungsdienste. Ab Mitte der 2010er‑Jahre wurden mit Ethereum allgemeine Smart Contracts breit verfügbar. Damit konnten Token ausgegeben werden, die nicht nur eine knappe Einheit darstellen, sondern konkrete Einlöse‑ und Reserve‑Mechanismen abbilden.

Früh wurden erste US‑Dollar‑Tokens wie Tether (USDT) eingesetzt, vor allem im Kryptohandel. Später kamen regulierungsnähere Varianten wie USD Coin (USDC) hinzu. Mit zunehmender Reife verschob sich der Fokus: weg von reinen Trading‑Anwendungen hin zu Zahlungsverkehr, Treasury‑Lösungen und – in Europa – eurobasierten Stablecoins unter MiCAR (Markets in Crypto‑Assets Regulation).

ZeitraumMeilensteinEinordnung für Unternehmen
2014–2016Frühe USD‑Stablecoins und Aufkommen universeller Smart‑Contract‑Plattformen (insb. Ethereum).Nutzung vor allem im Kryptohandel; für Unternehmen zunächst kaum direkt relevant.
2017–2019Wachstum von Tether (USDT) und Einführung von USD Coin (USDC) mit stärkerem Fokus auf Regulierung und Transparenz.Stablecoins werden zur Brücke zwischen Bankgeld und Blockchain‑Ökosystemen; erste Pilotprojekte im Zahlungsverkehr.
2020–2022DeFi‑Aufschwung, Diskussionen um globale Stablecoins, regulatorische Antworten (u. a. EU‑Entwurf von MiCAR).Corporate‑Treasury beginnt sich für schnellere, programmierbare Zahlungen zu interessieren – zunächst in Nischen und Pilotprojekten.
ab 2023MiCAR tritt in Kraft, erste regulierte Euro‑Stablecoins, Banken und Zahlungsdienstleister testen eigene Emissionen.Euro‑Stablecoins rücken in Reichweite des Mittelstands: nutzbar über FinTechs, perspektivisch auch über Banken.

Was davon ist heute relevant?

Für mittelständische Unternehmen sind vor allem regulierte Euro‑Stablecoins interessant, die unter MiCAR als Electronic‑Money‑Token geführt werden. Historische Experimente helfen beim Verständnis, im Alltag zählen aber klare Einlöseprozesse, geprüfte Reserven und eine saubere Integration in Bank‑ und ERP‑Landschaft.

Wie bleibt der Kurs stabil?

Die Preisstabilität eines Stablecoins ergibt sich aus dem Modell des Emittenten. Bei Electronic‑Money‑Tokens (EMT) stehen dem Tokenbestand regulierte Reserven wie Sichtguthaben oder sehr kurzfristige Geldmarktanlagen gegenüber. Halter haben einen Anspruch darauf, ihre Token jederzeit zum Nennwert in Bankgeld zurückzutauschen.

Bei Asset‑Referenced‑Tokens (ART) stützt sich der Wert auf einen Korb von Vermögenswerten – beispielsweise mehrere Währungen oder Anleihen. Ziel ist, den Tokenpreis innerhalb enger Bandbreiten zu halten. Für Unternehmenszwecke ist wichtig: je komplizierter der Korb, desto anspruchsvoller werden Buchhaltung, Risikosteuerung und regulatorische Einordnung.

Modelle, die vor allem auf Krypto‑Sicherheiten oder algorithmische Mechanismen setzen, haben in der Vergangenheit wiederholt Instabilitäten gezeigt. Für konservative Unternehmens‑Zahlungen in Euro sind sie daher in der Regel nicht geeignet. Entscheidend in der Praxis sind Transparenzberichte, Atteste, Prüfintervalle und eine belastbare Reservenprüfung (Proof‑of‑Reserves).

Wertbindung operativ gedacht

Aus Unternehmenssicht ist wichtig, wie sich die Wertbindung im Alltag auswirkt. Im Kern geht es um drei Fragen: Welche Vermögenswerte stehen den Tokens gegenüber? Wie werden Ausgabe und Einlösung abgewickelt? Und wie werden diese Schritte buchhalterisch erfasst? Reserven können aus Bargeld, Bankguthaben und sehr kurzfristigen Wertpapieren bestehen; klare Anlage‑ und Risikorichtlinien legen fest, was erlaubt ist.

Die Brücke zur Bankwelt schlagen sogenannte On‑ und Off‑Ramps. Einzahlungen vom Firmenkonto erzeugen neue Stablecoins; bei Auszahlungen werden Tokens vernichtet und Euro zurückgezahlt. Dazwischen findet der Transfer auf der gewählten Infrastruktur statt – je nach Setup auf einem offenen („permissionless“) Netzwerk oder auf einer zugangsbeschränkten Plattform. Wichtig ist, dass Ein‑ und Ausgänge zeitlich, buchhalterisch und dokumentarisch sauber zusammenpassen.

Praxisblick: Was die Buchhaltung sehen will

Für Buchhaltung und Audit ist ein Stablecoin‑Zahlungsfluss dann beherrschbar, wenn jede Bewegung mit einer klaren Referenz verknüpft ist: Belegnummer im ERP, Transaktions‑Hash auf der Blockchain, Zeitpunkt der Einlösung in Euro und Zuordnung zu Konto und Steuersatz. Idealerweise werden diese Informationen automatisiert in den Buchungssatz übernommen, sodass der Unterschied zu einer klassischen Überweisung vor allem in der Wertstellung – nicht in der Komplexität – liegt.

Wo entsteht der Unternehmensnutzen?

Besonders deutlich werden Vorteile im grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr. Klassische Auslandsüberweisungen laufen über mehrere Korrespondenzbanken (Nostro/Vostro‑Konten) und unterschiedliche Zeitzonen. Stablecoins reduzieren diese Zwischenstufen und können Wertstellung, Kosten und Nachvollziehbarkeit verbessern – je nach Set‑up bis hin zu taggleicher Finalität (T+0).

Hinzu kommt die Nähe zu internen Prozessen: Ereignisse im ERP – etwa Wareneingang, Abnahmeprotokoll, Milestone‑Freigabe oder Prüfvermerk – können direkt mit Zahlungsfreigaben verknüpft werden. Damit wird die Zahlung Teil des Kontrollsystems und nicht dessen Störfaktor. All‑in‑Kosten sind besser vergleichbar, weil Netzwerkgebühren, Dienstleisterentgelte und Devisen‑Spreads sichtbar werden und in die Kalkulation einfließen können.

Auswahlkriterien für Euro‑Stablecoins (für Entscheider:innen)

Wer Stablecoins im Unternehmen einsetzen möchte, steht vor einer ähnlichen Aufgabe wie bei der Auswahl eines neuen Zahlungsdienstleisters. Die folgenden Punkte helfen als strukturierte Checkliste und lassen sich gut in Anforderungskataloge und RfP‑Prozesse übernehmen:

  • Rechtlicher Rahmen und Einlöseanspruch: Lizenzart des Emittenten, Einstufung als Electronic‑Money‑Token, Umgang mit Kundengeldern, Szenario im Insolvenzfall und Service‑Level für die Einlösung.
  • Transparenz der Reserven: Prüfintervalle, Atteste und Proof‑of‑Reserves‑Berichte, Offenlegung von Gegenparteien und Anlagekategorien.
  • Infrastruktur: unterstützte Netzwerke (offen oder permissioned), Finalität, Gebührenmodell und Limitlogik.
  • On‑/Off‑Ramps: Geschwindigkeit und Kosten von Ein‑ und Auszahlungen, Cut‑off‑Zeiten, Reporting‑Formate und IBAN‑Bezug.
  • Integration und Betrieb: Stabilität der Schnittstellen, Webhooks, Buchungslogik (Kontierung und Steuern), Abstimmung und Audit‑Trail.

Zwischen Offenheit (Reichweite) und Regulierung (Compliance‑Einfachheit) bestehen Trade‑offs. Schlüsselverwaltung und Risikokontrollen müssen zum gewählten Netzwerk und Anbieter passen.

Risiken und Grenzen realistisch bewerten

Unternehmen sollten Stablecoins wie externe Zahlungsdienstleister behandeln und eine angemessene Due‑Diligence durchführen. Im Vordergrund stehen Emittenten‑ und Reserverisiko, Regulatorik und Lizenzsituation, Betriebssicherheit (Verwahrung, Rollen, Freigaben, Wiederherstellung) sowie Prozess‑Compliance – etwa Know‑Your‑Customer‑Regeln (KYC), Anti‑Money‑Laundering‑Vorgaben (AML) und die Travel Rule.

Technisch relevant sind die Wahl der Blockchain (Transaktionskosten, Durchsatz, Verfügbarkeit), Stabilität des Ökosystems und die Frage, wie einfach sich Fehler korrigieren lassen. Diese Risiken können durch sorgfältige Anbieterwahl, belastbare On‑/Off‑Ramps, ein Rollen‑ und Limitkonzept sowie saubere Belegketten deutlich reduziert werden.

Regulatorik in EU und Deutschland – das Wesentliche

MiCAR (Markets in Crypto‑Assets Regulation) unterscheidet im Kern zwischen Electronic‑Money‑Tokens (EMT) – typischerweise Euro‑Stablecoins – und Asset‑Referenced‑Tokens (ART). EMT dürfen grundsätzlich nur von Kreditinstituten oder E‑Geld‑Instituten begeben werden. Es bestehen klare Vorgaben zu Einlöseansprüchen, Reserven, Governance und Berichterstattung.

Parallel gelten die bekannten KYC‑/AML‑-Regeln sowie die Travel Rule für Übertragungen zwischen Dienstleistern. Für Unternehmen heißt das: Stablecoins bewegen sich klar innerhalb des Rechtsrahmens – die Umsetzung erfordert dieselbe Sorgfalt wie bei klassischen Zahlungsdienstleistern, ist aber in den etablierten Kategorien (E‑Geld, Zahlungsdienste) verankert.

Von der Idee zur Praxis – wie Unternehmen starten

Ein pragmatischer Einstieg beginnt mit einem klar abgegrenzten Anwendungsfall. Typische Kandidaten sind wiederkehrende Zahlungen an denselben Auslands‑Lieferanten, Intercompany‑Transfers zwischen zwei Gesellschaften oder projektbezogene Meilenstein‑Zahlungen. Ziel ist nicht, das gesamte Zahlungswesen umzustellen, sondern einen Pfad zu wählen, auf dem sich Nutzen und Risiken sauber messen lassen.

In einem nächsten Schritt wird eine geeignete On‑/Off‑Ramp mit EU‑Lizenz ausgewählt, idealerweise mit SEPA‑Instant‑Anbindung. Parallel wird ein Verwahrungs‑Modell definiert: Welche Zahlungen laufen über einen regulierten Verwahrer, wo ist Self‑Custody sinnvoll, welche Limits gelten und wer darf freigeben? Entscheidender Erfolgsfaktor ist, dass Belegkette und ERP‑Abstimmung von Anfang an mitgedacht werden – etwa durch Referenzfelder für Rechnungs‑ID und Transaktions‑Hash.

Warum das für CFOs wichtig ist

Aus CFO‑Sicht adressieren Stablecoins drei klassische Schmerzpunkte: Wertstellung, Kostenklarheit und Prozesskontrolle. Taggleiche oder sehr schnelle Finalität reduziert Float und verbessert Cash‑Forecasts. Sichtbare All‑in‑Kosten – inklusive Devisen‑Spread – erleichtern den Vergleich mit Bank‑ und FinTech‑Angeboten. Durch programmierte Freigaben wird Payment Teil des internen Kontrollsystems statt Störfaktor im Monatsabschluss.

Vergleich: Zahlungswege im Überblick

KriteriumBank (klassische Auslandsüberweisung)FinTech (nicht‑Blockchain)Stablecoin‑Rail
Wertstellung und FinalitätT+2 bis T+5, abhängig von KorrespondenzbankenT+1 bis T+2, optimierte PfadeMinuten bis T+0, je nach Netzwerk und On‑/Off‑Ramp
TransparenzTeilweise Intransparenz in der KorrespondenzketteBesseres Tracking pro AnbieterOn‑Chain‑Nachverfolgung plus Status‑Ansichten des Dienstleisters
GebührenstrukturBank‑ und Korrespondenzgebühren plus Devisen‑SpreadAnbieter‑Fee plus Devisen‑SpreadNetzwerkgebühr, Dienstleister‑Fee und ggf. Devisen‑Spread – meist klar ausgewiesen
Wochenenden und FeiertageStark eingeschränktTeilweise verbessert, aber oft noch begrenzt24/7 grundsätzlich möglich
Rückruf‑ und RückbelastungsrisikoMöglich über Rückruf und RegelprozesseSelten, anbieterabhängigGrundsätzlich final; Korrektur über Gegenbuchung

Wesentliche Punkte auf einen Blick

  • Stablecoins sind primär ein Zahlungswerkzeug – nicht ein weiteres Spekulationsobjekt.
  • Der größte Mehrwert entsteht im grenzüberschreitenden Geschäft und in prozessnahen Freigaben.
  • Emittent, Reserven, Regulierung und Verwahrung sind die zentralen Risikodrehpunkte – mit sauberem Setup beherrschbar.
  • MiCAR schafft einen klaren Rahmen – Euro‑Stablecoins werden damit für den Mittelstand greifbar.
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